Bo- und Karate-Seminar mit Sensei Olaf Krey am 23./24.11. in Königsbrück

Bo- und Karate-Seminar mit Sensei Olaf Krey am 23./24.11. in Königsbrück

Der Versuch alles unter einen Hut zu bekommen.

Selten waren Seminarwochenenden in der Vergangenheit so wechselvoll wie dieses. Es begann mit der Abfahrt. Bis wann arbeitet man freitags um bei der Arbeit nicht zu viel liegen zu lassen? Welche Abfahrtszeit ist die richtige um nicht 2 Stunden im Stuttgarter Stau zu verbringen? Wann will man eigentlich ankommen?

Nun letztlich waren Ruben und ich dann gegen 22 Uhr in Königsbrück. Dort trafen wir uns in einem gemütlichen Kreis mit Olaf, Hendrik, Sascha und Christopher und aßen noch eine Kleinigkeit zusammen. Ruben ging dann ins Furyu Dojo um dort zu übernachten, ich in mein unweit vom Dojo entferntes Elternhaus. Zum Frühstück trafen wir uns wieder. Wir liefen zum Bäcker und aßen im Furyukan zum Frühstück. Nun ging es zum Seminar.

Ausgeschrieben war das Seminar mit jeweils einer Bo-Einheit am Samstag- und Sonntagvormittag. Danach jeweils Karate bis in die frühen Abendstunden. Abwechslung wurde also schon im Vorfeld offeriert. Wir begannen also mit einer ausgiebigen Erwärmung, bei der die eine oder andere neue Übung für mich dabei war. Anschließend beschäftigten wir uns mit Bo-Zuki und kesa uchi (dem schrägen Schlag mit dem Bo). Am Nachmittag gingen wir zum Karate über. Kaishu waza war hier das Thema. Wir übten intensiv an der Partnerübung, verbrachten aber auch Zeit mit der Soloform.

Zum Ende der Übungszeit, die wir mit der Partnerform verbracht hatten, sollten wir noch 5 mal mit verschiedenen Partnern jeweils einen Durchlauf üben. Dabei fiel mir auf, dass die Mehrzahl der Partner nun durch die Form „rannten“. Viele vergaßen die Aspekte, die wir vorher in mühevoller Detailarbeit beleuchtet hatten. Anschließend fragte ich Olaf nach dem „optimalen“ Timing zu dieser Form. Seine Antwort war sinngemäß: Es kommt darauf an. Er betonte, dass die Nyumon-Formen keinen „Selbstzweck“ haben. Wir üben sie nicht damit wir irgendwann „schöne“ Grundformen laufen können. Wir üben sie als Werkzeug um Prinzipien zu erlernen und zu üben. Und je nachdem was wir gerade üben wollen (Kondition, Kraft, Ausdauer, Genauigkeit, Geschwindigkeit, Reaktionsvermögen, …), so kann die Form eben auch unterschiedlich gelaufen werden. Auch hier versuchen wir oftmals „alles“ unter einen Hut zu bekommen, obwohl wir nicht alle Trainingsaspekte gleichzeitig trainieren können.

Zum Abschluss des Trainingstages kreirte Olaf noch eine Partnerform, die man aus der Kaishu waza Soloform interpretieren könnte. Wer beide Formen kennt, weiß, dass die Partnerform und die Soloform im Normalfall etwas „auseinanderlaufen“. Dann war der Tag schon wieder „rum“.

Ich entschied mich den Abend mal nicht mit zum üblichen Seminarabendessen zu gehen, sondern die Zeit mit meinem Vater zu verbringen. Somit gingen Ruben und ich bis zum Seminarbeginn am Sonntag getrennte Wege. Laut Hörensagen kann man aber auch ohne mich schöne Abende verbringen 😉.

Am Sonntag übten wir zu Beginn wieder einige Partnerübungen mit dem Bo. Wir wiederholten Details vom Samstag und ergänzten schrittweise die Form um immer mehr Elemente. Schließlich teilten wir die Gruppe auf und die Fortgeschrittenen übten die Partnerübung „Peichin kumibo“. Hier ein Video von der Ausführung von Sensei McCarthy: https://youtu.be/FI_7jJCNfRY

Statt dem Training am Nachmittag, widmete ich nun meine Zeit meiner Schwester und ihren beiden Kindern. Auch die Zeit kam eigentlich viel zu kurz, da die Rückfahrt nach Gärtringen auch immer reichlich Zeit benötigt. Auch Ruben ging einen anderen Weg, er wollte weiter nach Berlin um am 29.11.2019 bei einer größeren Demo von „Fridays for Future“ teilzunehmen.

Immer alles unter einen Hut zu bekommen, ist nicht einfach. Dinge „halbherzig“ zu tun, bringt sicher auch Nachteile mit sich. Sich auf wenige Dinge zu beschränken, bringt aber auch nicht nur Vorteile. Letztlich muss jeder für sich selbst und immer wieder entscheiden worin er seine Zeit „investiert“.

You only get out what you put in.

We’re all crazy – Iain Abernethy in Stuttgart

We’re all crazy – Iain Abernethy in Stuttgart

(Lesezeit: 5 Minuten)

Zu Iain Abernethy sensei braucht man in Karatekreisen eigentlich nicht allzu viel zu erklären: 7. Dan, aus England, beschäftigt sich seit Kindertagen mit Karate und ist renommierter Buchautor. Seine Spezialthemen sind Selbstverteidigung und Kata-Bunkai (die „Entschlüsselung“ der Einzeltechniken von Kata). Er unterrichtet weltweit auf Seminaren. Der Mann ist also eine Koryphäe, und – wie ich in Stuttgart auch live feststellen konnte – dazu noch ein sehr sympathischer und humorvoller Erzähler (mit gewöhnungsbedürftigem Slang, wenn man Schul-Englisch gewohnt ist).

Auf seinem Youtube-Kanal „practicalkatabunkai “ bekommt man schon beim Trailer-Anschauen einen guten Eindruck davon, wie er Karate für die Selbstverteidigung zur Anwendung bringt.

 

Bullenheiß war’s am letzten Juni-Wochenende, ca. 100 Karateka hatten sich in der Wolfbuschhalle in Weilimdorf zusammengefunden. Die meisten wie zu erwarten Dan-Träger, nur wenige trugen Kyu-Grade. „O.k., dann bin ich schon mal nicht der Einzige, der nicht über ein Repertoire von 20 oder mehr klassischen Kata verfügt“, denke ich. Denn um Kata und ihre Anwendung soll es heute gehen. Dass ich keine dieser Kata kann, stellt sich als vollkommen egal heraus.

Wir üben einen kurzen Drill: Den Nacken des Angreifers fassen, zwei schnelle Handballenstöße ins Gesicht und sofort noch einen Ellenbogen hinterher, mit der rechten Hand linksrum um den Kopf fahren, die Person nach vorne ziehen, um einen Kniestoß zu geben, weiter zu Boden bringen, noch einmal tettsui auf den Kopf/Nacken oder Rücken schlagen und noch auf den Fuß oder das Fußgelenk stampfen, bevor man sich entfernt. O.k., der Typ dürfte fertig sein, eindrucksvoll.

Am Beispiel einiger Stellen aus klassischen Kata zeigt uns Iain, dass viele Kata oft fehlinterpretiert werden. Die Distanz spielt dabei seiner Ansicht nach eine Schlüsselrolle, denn oft geht man davon aus, dass sich Gegner – wie in Chuck-Norris-Filmen – so auf 2-3 oder 4 Meter gegenüberstehen. In Selbstverteidigungssituationen gibt es dabei aber aus Iains Sicht gar keinen Kampf, denn beide könnten ja jederzeit einfach davonlaufen. Der Kampf entsteht erst, wenn der Abstand überbrückt wurde, man sich also in der Nahdistanz befindet, so dass man treten, schlagen oder auch zugreifen kann. Und wie gesagt machen die meisten Techniken der Kata viel mehr Sinn, wenn man von unmittelbarer Nahdistanz ausgeht. Da ich sämtliche erwähnten Kata sowieso nicht beherrsche, kommt mein Weltbild dadurch zum Glück nicht ins Wanken. Aber ich speichere nochmal ab, dass Karate sich ursprünglich als Selbstverteidigung und damit für die Nahdistanz entwickelt hat.

Einer der Pioniere in der Entwicklung des Karate auf Okinawa war Motobu Choki, er lebte von 1870 bis 1944. Er hat u. a. zwölf Partnerdrills/Kumite-Abläufe erdacht, durch deren Erlernen und Einstudieren man auf verschiedene Angriffe reagieren können soll. Einige dieser Drills haben wir mit unserem Partner ausprobiert. Was sie gemeinsam hatten und was auch Iain Abernethy als eines von Motobus Grundprinizipien herausstellte: Man geht ausschließlich nach vorne, es gibt niemals ein Zurückweichen. Unter Selbstverteidigungsaspekten erscheint das schlüssig. Wenn man sich z. B. Krav-Maga-Techniken anschaut, sieht man das auch; das Prinzip ist, so schnell und so hart wie möglich zu antworten. Als alleinige Wahrheit würde ich dieses Niemals-Zurückweichen jedoch nicht gelten lassen, denn es gibt auch eine Menge Techniken, bei denen man den Angriff eher annimmt und umleitet, um z. B. einen Hebel oder Wurf anzusetzen. Das Eine ist eben reine Selbstverteidigung, das Andere ist Kampfkunst, wo man sich mit allen Möglichkeiten beschäftigen darf. Aber heute geht es um Selbstverteidigung.

Ein weiteres interessantes Prinzip und Thema auf unserem Seminar ist das der „naheliegendsten Waffe“. Im „Clinch“ war die Aufgabe, dass der eine Partner nur locker verteidigt und der andere nach Lücken sucht, um z. B. Ellenbogen, Tritte, Kopfstöße, Griffe in die Weichteile, Augenstechen und sogar Bisse anzubringen. Nach Ablauf von einer Minute ist der andere Partner an der Reihe. Iain Abernethy hat erklärt, dass solche spielerischen – und vor allem sehr spaßigen – Übungen grundsätzlich ein gutes Kumite-Training darstellen. Steve und ich haben noch lustige Geräusche eingebaut, z. B. ein „Biep!“ beim Augenstechen, welches zur Schonung der Sehorgane natürlich nur gegen die Stirn ausgeführt wird. In Iains Dojo gehören solche Übungen nach seiner Aussage zum Standardprogramm, man lernt Bewegungen des Partners (Gegners!) früh zu erspüren oder zu sehen und Lücken zu erkennen und auch zu erschaffen.

Ganz wichtig dabei: Aufeinander achten! Beide Partner brauchen für den motivierenden Spaßfaktor ihre Erfolgserlebnisse. Und niemandem nutzt es etwas, wenn Leute im Training sind, die unbedingt beweisen möchten, dass sie besser oder stärker sind als andere. Die wichtigste Person im Dojo ist immer der Trainingspartner. Ihn muss man gut hegen und pflegen, sich auf ihn, seinen Leistungsstand und seine Konstitution, aber auch auf die für ihn passende Trainingsintensität einstellen – denn man möchte mit und von ihm lernen. Und man will, dass auch er zum nächsten Training wieder im Dojo erscheint. Iains humorvolles Dojo-Motto heißt deswegen „No heroes, no assholes!“ Großartig, oder?!

Zurück zu unserem Partnerdrill vom Anfang – jetzt holen wir endlich die Pratzen raus! Und es wird laut! Abwechselnd ziehen wir die Pratzen an und spielen den Dummy, dann tauschen wir. Iains Auftrag an uns: Vollgas geben und dabei richtig Aggression rauslassen, da einem dies in echten SV-Situationen noch mehr Power gibt und es das Gegenüber vielleicht einschüchtert. Wir hauen uns also schön, die meisten brüllen sich dabei an, es ist einfach herrlich… obwohl es zumindest mich auch etwas nachdenklich macht. Steve wirkt auch nicht, als wäre das total sein Ding. Tja, das Thema Aggression. Ob man überhaupt Aggression in sich trägt, um so etwas in einer SV-Situation abzurufen, das möchte ich zumindest für meine Person doch arg in Frage stellen.  Vielleicht sind solche Drills etwas, was wir öfter üben sollten? Die Frage ist, ob man, angegangen von keine Ahnung wem, nicht eher perplex/baff/überrascht/verständnislos oder sonstwie reagiert, im schlimmsten Fall wie gelähmt, und damit einen guten Teil des Verteidigungsmoments vergibt. Da ist ganz viel wirklich Typsache. Was „nutzt“ jede Kampfkunst, wenn man im Ernstfall nicht der „Typ dafür“ ist???

Iains Yame holt mich gedanklich wieder in die inzwischen brütend heiße Sporthalle zurück. Sein Kommentar danach in etwa: „We’re all crazy, spending a weekend at 39° in a gym and beating the crap out of each other while our neighbors are sitting in their gardens drinkin‘ some cold stuff. O.k., of course we‘re crazy – I mean, we’re martial artists. That IS crazy, isn’t it?“

Diese Aussage hallt auf dem Heimweg in meinem Kopf nach, der brummt nämlich ordentlich. Verrückt, ja, schon irgendwie.

 

Der Sonntag steht im Zeichen des Bodenkampfes. Iain wird uns an eine von ihm selbst erdachte Boden-Partnerform heranführen. Es geht darum, aus diversen Mounts/Haltegriffen etc. wieder herauszukommen, oder gar nicht erst hineinzugeraten, indem man den Ausführenden im rechten Moment stört und eine eigene Technik ansetzt. Iain erklärt dazwischen wieder sehr viel und setzt noch ein wichtiges Statement: Die Kampfkunst ist ein weites Feld, und die meisten sind ihrer Lieblingsecke unterwegs, Karateka schlagen und treten die meiste Zeit. Um ein etwas abgerundeter Kampfkünstler zu werden, und gerade im Hinblick auf Selbstverteidigung, sollte man ein wenig über den Tellerrand schauen. Einem Karateka schade es keinesfalls, wenn er sich z. B. im Bereich Fallen/Werfen/Hebeln mal zirka auf Judo-Orangegurt-Niveau bewegt. Da bleibe man immer noch Karateka. Es grüßt an dieser Stelle herzlich Patrick McCarthy hanshi, „thinking out of the box“.

Mittags ist dann Schluss, Ende des Seminars. Affenhitze und wieder gar nicht so viel trinken können, wie rausgeschwitzt.

Vielen Dank an Steve für’s Begeistern, Mitnehmen und Riesenspaß, ans Uni-Dojo Stuttgart für’s Ausrichten und an Iain Abernethy sensei für die Übungen, amüsanten Geschichten und reichlich Denkanstöße. Und seine Begeisterung! Wenn ihr mal einige seiner Erklär-Videos anschaut, dann seht ihr, wie seine Augen beim Thema Karate glänzen. We’re all crazy.

 

P.S.: Gerade kam noch ein neues Video rein, Iain Abernethy bei Jesse Enkamp.

Yudanshakai auf der Wewelsburg am 2. und 3. März 2019

Yudanshakai auf der Wewelsburg am 2. und 3. März 2019

(Lesedauer ca.2min)

In diesem Jahr hatte ich wieder die Gelegenheit an dem „Yudanshakai“ der KU-Community in Deutschland teilzunehmen. An dieser Trainingsgelegenheit nehmen nur Schwarzgurte im KU teil, und damit ergibt sich daraus eine besonders intensive Lerngelegenheit.

 

Was übt man nun „Geheimes“ bei so einem Seminar?

Nun, prinzipiell übt man ähnliche Inhalte wie bei allen anderen Seminaren. Angefangen mit einer Bodeneinheit am Freitagabend, über eine Bo-Einheit am Samstagmorgen, eine freie Einheit am Samstagabend und am Schluss eine Grundlagen-Einheit am Sonntagmorgen.

 

Und was macht man sonst so?

Dieses Seminar bietet neben den Trainings eine sehr wichtige Plattform um sich auszutauschen. Bei quasi keinem anderen Seminar haben die Schwarzgurte so viel Zeit und Möglichkeiten miteinander ins Gespräch zu kommen. So wird zum Beispiel die obligatorische Wanderung am Samstagnachmittag genutzt, um ausgiebig im Einzelgespräch oder kleineren Gruppen über verschiedenste Themen, wie den eigenen Fortschritt, das Dojo in der Heimat oder auch die kommenden Seminare zu sprechen. In diesem Jahr hatten wir zusätzlich einen sehr spannenden Austausch am Samstagabend. Moderiert durch Hendrik Felber hatte hier jeder die Gelegenheit die folgenden 3 Fragen zu beantworten:

  • Wann und warum würdest du mit Karate aufhören?
  • Wann und warum würdest du mit KU aufhören?
  • Hat man ab dem 1.Dan eine höhere Verantwortung für die KU-Gemeinschaft?

 

Und was waren die häufigsten Antworten auf diese Fragen?

Ich kann jetzt an dieser Stelle keine Statistik vorlegen, aber ich versuche den Tenor wiederzugeben. Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass die meisten, die zu diesem Seminar fahren, nicht mit dem Gedanken spielen, mit dem Karate aufzuhören. Aber dennoch kann man niemals vorhersehen, was die Zukunft bringt. Gesundheitliche Einschränkungen, die persönliche Lebenssituation oder auch der Spaß an der Sache sind nicht ewig weit in die Zukunft prognostizierbar. Viele der Karateka konnten sich kaum vorstellen mit dem Karate jemals aufzuhören. Und was KU betrifft, so erhoffen sich die meisten, dass sich die Struktur, die Flexibilität und die Lerngelegenheiten nicht ändern werden.

 

Aber was ist nun mit der Verantwortung?

Die meisten der Karateka vor Ort hatten dazu eine ähnliche Ansicht. JA, die Verantwortung für KU und die Gemeinschaft steigt mit einem Dan-Grad vermutlich (weiter) an. Aber die Meinung der meisten war auch, dass das nicht sprunghaft oder erst mit dem 1.Dan geschieht. JEDER, der in ein Dojo geht und KU übt, übernimmt eine Verantwortung. Oftmals ist man sich einer Verantwortung nicht bewusst und vor allem hat jeder Mensch auch in erster Linie eine Verantwortung für sich selbst. Aber ähnlich wie man gegenüber seiner Familie, seinen Kindern, Haustieren, Nachbarn, Verkehrsteilnehmern, Arbeitgebern oder oder oder eine Verantwortung hat, so gibt es auch eine Verantwortung im Karate (KU). Am Anfang beginnt diese vielleicht „nur“ mit der Überweisung des Mitgliedbeitrags, dem Fegen des Dojos oder dem Ausfüllen einer Anwesenheitsliste. Später kann es sein, dass Du anderen die „ersten Schritte“ beibringen darfst, Trainingslager mitorganisierst oder gar ein „eigenes“ Training führst. Die Verantwortung wächst, jedenfalls in den meisten Fällen. Aber davor brauchst Du keine Angst haben, denn bekanntlich „wächst man mit seinen Aufgaben“.

 

Danke für das tolle Seminar und die Gelegenheit zum Lernen. Was in meiner Betrachtung bisher komplett fehlt, ist ein Kommentar zur Wewelsburg. In aller Kürze, die Jugendherberge in der Burg war wirklich sehr schön und falls es mal jemanden dahin verschlägt, ihr solltet auf jeden Fall eine Führung im Museum mitmachen. Hier hatten wir eine der unterhaltsamsten Führungen, die man in Museen so erleben kann.

Seminar am 17.+18. März in Königsbrück: Bojutsu und Nyumon

Seminar am 17.+18. März in Königsbrück: Bojutsu und Nyumon

Auf den Seminaren tummeln sich immer dieselben Leute: Manche stehen kurz vor einer Graduierung und nutzen jede Gelegenheit, um mit Olaf zu üben. Naja, sie müssen auch, wenn sie graduieren wollen. Andere haben schon einen Dan-Grad oder sogar den zweiten oder mehr, und sind auch immer da, um von Olaf sowie auch voneinander zu lernen. Andere Seminarteilnehmer, wie ich, sind Jahre von einer hohen Graduierung entfernt, und kommen trotzdem ab und an dazu. Mich hat diesmal das Ausschreibungsthema angelockt: Morgens die Bo-Kata „Shirotaro no kon“ und die Bo-Partnerform „Peichin Kumibo“ lernen. Und mittags Nyumon, „Grundschule“. Bo macht Spaß und bei Nyumon gibt es immer was zu lernen oder zu verbessern, auch wenn man die Form schon kann.

Äh… Schon kann? Wann kann man denn eine Form? Und kann man eine Form überhaupt können?

Bedeutet Können, eine Form so vorzuführen, dass ein anderer Karateka diese erkennen und benennen kann? Oder bedeutet Können, ganz viele Details (die ein Anfänger im Sinne einer didaktischen Reduktion noch gar nicht alle gezeigt bekommt, und die man ihm erst im Laufe der Zeit an die Hand gibt) bewusst zu beachten? Oder ist Können, wenn man dieses „Beachten“ bereits überwunden hat, also die Details nach einigen Jahren der Übung nicht mehr bewusst beachtet, sondern sie so in die Bewegung integriert hat, dass sie automatisch ablaufen? Und andersherum, was ist, wenn man eine Form schon seit Monaten nicht mehr geübt hat? Besteht dann nicht die Gefahr, Details auch wieder zu vergessen? Wenn man die Form seit Langem mal wieder übt und feststellt, dass der Ablauf klemmt? Sind die Details dann mit weg?

Und was ist, wenn man auf ein Seminar fährt und eine Form drankommt, die man schon recht gut zu „können“ glaubte, und mit neuen Details nach Hause kommt, die so schlüssig erscheinen, dass man sich fragt, warum man das nicht schon vorher bemerkt hat? Auf diesem Seminar war dies für mich bei Heishu-waza der Fall. Neu im Kopf:

Frontal stehen vor 1. Empi,

Koordination Aufwärtshaken + Füße gyaku,

„Shuffle-Fuß“ vor dem Kniestoß,

„Schiebe-Hand“ auch gegen den Hals möglich.

Wenn ich jetzt also solche neuen Details in eine Form integriere, indem ich die Form am Seminarort 30 mal übe und zu Hause und im Dojo im Laufe der Zeit noch öfter, natürlich wird dann die Form besser. Natürlich besteht auch die Gefahr, dass ich Details wieder „vergesse“ – das könnte übrigens auch heißen, dass man eine Bewegung schon noch ausführt, man aber nicht mehr weiß, warum man die Bewegung eigentlich genau so macht – das Detail würde dann beliebig austauschbar.

Wichtig erscheint mir dies besonders, wenn man ein solches Detail nicht nur in einer einzigen Form braucht, sondern es eher ein Prinzip ist, das sich auf alle möglichen Situationen anwenden lässt. Also auch auf andere Formen. Wenn ich das Detail dann so „verstanden“ habe, dass ich es auch in anderen Formen bzw. Situationen benutze, dann sieht nicht nur mein Heishu-waza besser aus, sondern mein Karate ist insgesamt besser geworden.

„Kann“ ich die Form jetzt? Vielleicht besser, ja. Perfekt nie. Dazu kommt: Auf dem nächsten Seminar kann plötzlich diskutiert werden, ob ein Detail nicht genau andersherum richtig sei. Ja was denn nun? Aha, „es kommt darauf an“, heißt es dann, denn der Angreifer könnte ja auch… (z. B. mehr von vorne kommen, mittendrin noch treten, breiter als hoch sein oder 180 kg wiegen). Wichtig sei, dass du alle Möglichkeiten kennst und situativ intuitiv entscheidest, wie du es machst. Hauptsache, du weißt, was du tust. Ach du je, noch mehr zu lernen… Also wieder 30 mal rauf- und runterüben und auch noch an Alternativen denken? Moment, ist das überhaupt richtig, eine vom KU-Gründer festgelegte Form „anders“ zu machen? Warum heißt es Nyumon, warum lernen wir es als Anfänger genau so und nicht anders, und plötzlich sollen wir etwas anders machen? Weil wir an diesem Punkt, an dieser Stelle, kein Anfänger mehr sind, sondern auf dem Weg uns langsam weiterzuentwickeln?

So weit, so ermutigend. Nächste Frage. Warum entwickelt man sich in anderen Dingen überhaupt nicht weiter, warum tritt man auf der Stelle? Wie soll man Angewohnheiten wegbekommen, die immer wieder durchkommen? Dauerthemen:

Blickrichtung beim Üben: nicht nach unten, sondern nach vorne schauen;

Schultern: nicht hochziehen, sondern locker lassen, immer nur bei der konkreten Technik anspannen;

Atmung: nicht anhalten, sondern fließen lassen.

Wie das jetzt gehen soll, dies alles permanent richtig zu machen, weiß ich nicht, aber sich solcher Dinge bewusst zu sein und es immer wieder zu versuchen, erscheint mir der erste richtige Schritt zu sein.

Der zweite Schritt könnte sein, es aktiv zu üben. Weil man sich aber nicht auf mehrere Dinge gleichzeitig konzentrieren kann (auch Ihr nicht, liebe Damen ;-)), könnte man immer dann daran arbeiten, wenn der Kopf gerade relativ frei ist. Also dann, wenn man z. B. Formen übt, bei denen man weniger über den Ablauf nachdenken muss, weil man diesen bereits im Körper abgespeichert hat. So jedenfalls mein Vorsatz für die nächste Zeit.

Zurück nach Königsbrück:

Samstagsmorgens also die Bo-Kata „Shirotaro no kon“ und sonntags die Bo-Partnerform „Peichin Kumibo“ gelernt? Äh… nein. Weder das eine noch das andere, denn so weit kam es gar nicht. Verbessert: Griffwechsel, Fußarbeit, Schläge und Stöße, einige Solo- und Partnerdrills. Danke hier vor allem an den geduldigen Hendrik, aber auch an Christian und Lutz. Allgemein und immer natürlich danke an Olaf, heute vor allem mal dafür, sich partout nicht werfen zu lassen. Für Heishu-waza besonderen Dank an Felix, für die Tegumis und die Schlussübung an Steve. Locker, ja, locker, danke, genau, stimmt ja…

Weitere Themen aus diesem Wochenende – teils kurz und knackig beantwortbar, teils jeweils längere eigene Betrachtungen wert, aber hier und heute allenfalls im Geiste beantwortet:

Ist das mit dem Locker-Bleiben eigentlich bei Partnerformen genauso? Wie einfach dürfen wir es unserem Partner machen, wenn das alles „im Ernstfall“ was bringen soll? An welchen Stellen akzentuieren?

Wieviel ist eigentlich 250, und sind erneute 250 genauso wenig?

Wer ist die wichtigste Person im Dojo?

Wer hat (k)ein Patch?

Was ist die Holzhacker-Methode und ist sie vielleicht ein Stil?

Wofür brauchen wir kyu-Grade, oder würde uns eine Einteilung in Weiß- und Schwarzgurte genügen?

Soll ich als Anfänger denn überhaupt auf Seminare gehen?

Nutzen mir Seminare mit „Insel-Themen“ etwas, d. h. Themen, die man mal auf einem Seminar behandelt, die aber im weiteren Training nicht wieder aufgegriffen werden?

Geht jemand sonntags nach dem Seminar noch ins Dojo?