Seminar am 17.+18. März in Königsbrück: Bojutsu und Nyumon

Seminar am 17.+18. März in Königsbrück: Bojutsu und Nyumon

Auf den Seminaren tummeln sich immer dieselben Leute: Manche stehen kurz vor einer Graduierung und nutzen jede Gelegenheit, um mit Olaf zu üben. Naja, sie müssen auch, wenn sie graduieren wollen. Andere haben schon einen Dan-Grad oder sogar den zweiten oder mehr, und sind auch immer da, um von Olaf sowie auch voneinander zu lernen. Andere Seminarteilnehmer, wie ich, sind Jahre von einer hohen Graduierung entfernt, und kommen trotzdem ab und an dazu. Mich hat diesmal das Ausschreibungsthema angelockt: Morgens die Bo-Kata „Shirotaro no kon“ und die Bo-Partnerform „Peichin Kumibo“ lernen. Und mittags Nyumon, „Grundschule“. Bo macht Spaß und bei Nyumon gibt es immer was zu lernen oder zu verbessern, auch wenn man die Form schon kann.

Äh… Schon kann? Wann kann man denn eine Form? Und kann man eine Form überhaupt können?

Bedeutet Können, eine Form so vorzuführen, dass ein anderer Karateka diese erkennen und benennen kann? Oder bedeutet Können, ganz viele Details (die ein Anfänger im Sinne einer didaktischen Reduktion noch gar nicht alle gezeigt bekommt, und die man ihm erst im Laufe der Zeit an die Hand gibt) bewusst zu beachten? Oder ist Können, wenn man dieses „Beachten“ bereits überwunden hat, also die Details nach einigen Jahren der Übung nicht mehr bewusst beachtet, sondern sie so in die Bewegung integriert hat, dass sie automatisch ablaufen? Und andersherum, was ist, wenn man eine Form schon seit Monaten nicht mehr geübt hat? Besteht dann nicht die Gefahr, Details auch wieder zu vergessen? Wenn man die Form seit Langem mal wieder übt und feststellt, dass der Ablauf klemmt? Sind die Details dann mit weg?

Und was ist, wenn man auf ein Seminar fährt und eine Form drankommt, die man schon recht gut zu „können“ glaubte, und mit neuen Details nach Hause kommt, die so schlüssig erscheinen, dass man sich fragt, warum man das nicht schon vorher bemerkt hat? Auf diesem Seminar war dies für mich bei Heishu-waza der Fall. Neu im Kopf:

Frontal stehen vor 1. Empi,

Koordination Aufwärtshaken + Füße gyaku,

„Shuffle-Fuß“ vor dem Kniestoß,

„Schiebe-Hand“ auch gegen den Hals möglich.

Wenn ich jetzt also solche neuen Details in eine Form integriere, indem ich die Form am Seminarort 30 mal übe und zu Hause und im Dojo im Laufe der Zeit noch öfter, natürlich wird dann die Form besser. Natürlich besteht auch die Gefahr, dass ich Details wieder „vergesse“ – das könnte übrigens auch heißen, dass man eine Bewegung schon noch ausführt, man aber nicht mehr weiß, warum man die Bewegung eigentlich genau so macht – das Detail würde dann beliebig austauschbar.

Wichtig erscheint mir dies besonders, wenn man ein solches Detail nicht nur in einer einzigen Form braucht, sondern es eher ein Prinzip ist, das sich auf alle möglichen Situationen anwenden lässt. Also auch auf andere Formen. Wenn ich das Detail dann so „verstanden“ habe, dass ich es auch in anderen Formen bzw. Situationen benutze, dann sieht nicht nur mein Heishu-waza besser aus, sondern mein Karate ist insgesamt besser geworden.

„Kann“ ich die Form jetzt? Vielleicht besser, ja. Perfekt nie. Dazu kommt: Auf dem nächsten Seminar kann plötzlich diskutiert werden, ob ein Detail nicht genau andersherum richtig sei. Ja was denn nun? Aha, „es kommt darauf an“, heißt es dann, denn der Angreifer könnte ja auch… (z. B. mehr von vorne kommen, mittendrin noch treten, breiter als hoch sein oder 180 kg wiegen). Wichtig sei, dass du alle Möglichkeiten kennst und situativ intuitiv entscheidest, wie du es machst. Hauptsache, du weißt, was du tust. Ach du je, noch mehr zu lernen… Also wieder 30 mal rauf- und runterüben und auch noch an Alternativen denken? Moment, ist das überhaupt richtig, eine vom KU-Gründer festgelegte Form „anders“ zu machen? Warum heißt es Nyumon, warum lernen wir es als Anfänger genau so und nicht anders, und plötzlich sollen wir etwas anders machen? Weil wir an diesem Punkt, an dieser Stelle, kein Anfänger mehr sind, sondern auf dem Weg uns langsam weiterzuentwickeln?

So weit, so ermutigend. Nächste Frage. Warum entwickelt man sich in anderen Dingen überhaupt nicht weiter, warum tritt man auf der Stelle? Wie soll man Angewohnheiten wegbekommen, die immer wieder durchkommen? Dauerthemen:

Blickrichtung beim Üben: nicht nach unten, sondern nach vorne schauen;

Schultern: nicht hochziehen, sondern locker lassen, immer nur bei der konkreten Technik anspannen;

Atmung: nicht anhalten, sondern fließen lassen.

Wie das jetzt gehen soll, dies alles permanent richtig zu machen, weiß ich nicht, aber sich solcher Dinge bewusst zu sein und es immer wieder zu versuchen, erscheint mir der erste richtige Schritt zu sein.

Der zweite Schritt könnte sein, es aktiv zu üben. Weil man sich aber nicht auf mehrere Dinge gleichzeitig konzentrieren kann (auch Ihr nicht, liebe Damen ;-) ), könnte man immer dann daran arbeiten, wenn der Kopf gerade relativ frei ist. Also dann, wenn man z. B. Formen übt, bei denen man weniger über den Ablauf nachdenken muss, weil man diesen bereits im Körper abgespeichert hat. So jedenfalls mein Vorsatz für die nächste Zeit.

Zurück nach Königsbrück:

Samstagsmorgens also die Bo-Kata „Shirotaro no kon“ und sonntags die Bo-Partnerform „Peichin Kumibo“ gelernt? Äh… nein. Weder das eine noch das andere, denn so weit kam es gar nicht. Verbessert: Griffwechsel, Fußarbeit, Schläge und Stöße, einige Solo- und Partnerdrills. Danke hier vor allem an den geduldigen Hendrik, aber auch an Christian und Lutz. Allgemein und immer natürlich danke an Olaf, heute vor allem mal dafür, sich partout nicht werfen zu lassen. Für Heishu-waza besonderen Dank an Felix, für die Tegumis und die Schlussübung an Steve. Locker, ja, locker, danke, genau, stimmt ja…

Weitere Themen aus diesem Wochenende – teils kurz und knackig beantwortbar, teils jeweils längere eigene Betrachtungen wert, aber hier und heute allenfalls im Geiste beantwortet:

Ist das mit dem Locker-Bleiben eigentlich bei Partnerformen genauso? Wie einfach dürfen wir es unserem Partner machen, wenn das alles „im Ernstfall“ was bringen soll? An welchen Stellen akzentuieren?

Wieviel ist eigentlich 250, und sind erneute 250 genauso wenig?

Wer ist die wichtigste Person im Dojo?

Wer hat (k)ein Patch?

Was ist die Holzhacker-Methode und ist sie vielleicht ein Stil?

Wofür brauchen wir kyu-Grade, oder würde uns eine Einteilung in Weiß- und Schwarzgurte genügen?

Soll ich als Anfänger denn überhaupt auf Seminare gehen?

Nutzen mir Seminare mit „Insel-Themen“ etwas, d. h. Themen, die man mal auf einem Seminar behandelt, die aber im weiteren Training nicht wieder aufgegriffen werden?

Geht jemand sonntags nach dem Seminar noch ins Dojo?

Danshakai mit Sensei Olaf Krey vom 2.- 4.März in Schifferstadt

Danshakai mit Sensei Olaf Krey vom 2.- 4.März in Schifferstadt

„Zur Weggenossenschaft gehören beide Gaben,
nicht bloß ein gleiches Ziel, auch gleichen Schritt zu haben.“

von Friedrich Rückert

Beim Nachsinnen über das vergangene Danshakai bin ich auf dieses Zitat gestoßen und empfand es als passend zu meinen Gedanken über dieses Wochenende. Ich werde daher nach ein paar einleitenden Worten meine Gedanken zu dem obigen Zitat näher erläutern.

Zunächst stellt sich vielleicht manchem Leser die Frage, was ein „Danshakai“ ist und was man dort genau macht. Den Begriff „Dan“ kennen die meisten vielleicht schon. Er steht für eine Fortschrittsstufe im Karate, die der Schwarzgurte. „Shakai“ bedeutet so viel wie Vereinigung, Treffen oder Gemeinschaft. Bei einem „Danshakai“ geht es daher darum, dass „alle“ Schwarzgurte zusammenkommen, die einem Dojo, Verband oder Stil angehören oder sich aufgrund anderer Gruppierungsmerkmale zusammenfinden und austauschen wollen. Im Koryu Uchinadi in Deutschland findet ein solches Ereignis einmal im Jahr statt. Hier finden sich alle KU-Schwarzgurte aus Deutschland zusammen, die sich die Zeit für dieses Treffen nehmen können. In diesem Jahr waren es 12 Teilnehmer, was das Treffen zu einer sehr schönen familiären Runde machte.

Und was ist nun der Inhalt eines solchen Treffens? Hier fällt mir dann spontan erstmal die häufigste Antwort von Juristen ein (von mir statistisch nicht untersucht): „Es kommt darauf an.“ Im Vorfeld eines solchen Treffens werden manchmal potentielle Gesprächsthemen kommuniziert und Trainingsfelder abgesteckt. Vieles ergibt sich aber auch vor Ort und gerade bei diesem einmaligen Ereignis im Jahr ist der Gestaltungsspielraum für spontane Gespräche oder Trainings sehr groß. In diesem Jahr haben wir aus meiner Perspektive sehr viel trainiert, was sehr gut war und reichlich Input gebracht hat. Ich bin Olaf, Dinah, Felix und Angela, sowie allen Trainingspartnern sehr dankbar für die Stunden, in denen ich schwitzen und lernen durfte.
Um nun den Bogen zum Zitat zu spannen, möchte ich noch kurz auf den Begriff „Genossenschaft“ eingehen. Einfachheitshalber verwende ich die erste Definition, die man bei Google findet, nicht nur aus Bequemlichkeit, sondern auch weil mir diese gut gefällt. Eine Genossenschaft ist demnach „ein Zusammenschluss mehrerer Personen, beispielsweise Handwerker oder Bauern, mit dem Ziel, ihre gleichen wirtschaftlichen Interessen durch gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb zu fördern.“

Da es „Genossenschaften“ auch mit gemeinnützigen und sozialen Zielen gibt, erlaube ich mir vorerst die Schwarzgurte in Deutschland, die gemeinsam Koryu Uchinadi üben, mit einer „Weggenossenschaft“ zu vergleichen, da wir ein Zusammenschluss von Kampfkunstinteressierten sind, die gemeinsam ein Stück Weg zurücklegen und hoffen vom gegenseitigen Austausch profitieren zu können. Friedrich Rückert schreibt nun aber von zwei mehr oder weniger notwendigen Gaben, die zu einer Weggenossenschaft gehören, dem gleichen Ziel und dem gleichen Schritt. Hier stellt sich mir die Frage ob wirklich alle Teilnehmer dieses Seminar-Wochenendes das gleiche Ziel verfolgen. Grundsätzlich wahrscheinlich schon. Zumindest für den Zeitraum des Treffens, mit größerer Wahrscheinlichkeit. Aber ist das noch so wenn jeder wieder zurück in seinem „Dojo“ ist oder ohne Trainingspartner weiter an seiner Kampfkunst arbeitet? Wahrscheinlich verfolgen dann nicht mehr alle KU-Schwarzgurte das gleiche Ziel. Der eine übt gern Kata, der nächste Bo, der andere Bodentechniken und der vierte boxt mit Leidenschaft. Jeder hat den Freiraum seine Kampfkunst mit eigenen Inhalten und Schwerpunkten zu gestalten.

Laut dem Zitat bleibt neben dem gleichen Ziel noch der gleiche Schritt. Hiermit ist wahrscheinlich eine gleiche Schrittlänge oder aber das Schritttempo gemeint. Perfekt, dazu habe ich noch ein Beispiel. Am Samstagnachmittag wanderten wir auf den Kalmit, den höchsten Berg im Pfälzerwald. Als wir oben angekommen waren, haben wir übrigens unsere Sai-Gabeln herausgeholt und eine tolle Partnerform mit dem Sai gelernt und geübt.

pro-cam

Aber ich komme vom Thema ab. Jeder der schon einmal mit unterschiedlich alten, großen, trainierten und motivierten Menschen gewandert ist, kennt das. Physiologisch bedingt ist die Schrittlänge nicht immer die gleiche. Das Schritttempo ebenfalls nicht. Die Folge ist, dass die Gruppe nicht immer zusammenbleibt, so auch bei dieser Wanderung. Bezieht man nun Schrittlänge und Schritttempo auf den Fortschritt im Karate, dann wäre unsere „Genossenschaft“ nicht nur beim Wandern unausgeglichen.

Wenn man den Begriff „Danshakai“ liest, denkt man vielleicht im ersten Moment: „Das sind ja alles Schwarzgurte, die können bestimmt super miteinander trainieren, weil sie ja alle auf einem Level sind.“ Und ja, sie können auch super trainieren, weil sie ein vergleichbares Fundament haben, aber wie in meiner letzten Betrachtung erwähnt, so gibt es auch hier eine Heterogenität innerhalb der Trainingsgruppe. Bei diesem Danshakai wurde mir wieder einmal bewusst, dass die Heterogenität im Training wahrscheinlich niemals aufhört. Schwarzgurt ist keinesfalls gleich Schwarzgurt. Und wer jetzt denkt, „Was will der Typ? Ist doch logisch. Deswegen gibt es ja auch 10 Dangrade!“, der hat auch recht. Aber wenn ihr wieder einmal denkt „Schwarzgurt, dann hab ichs geschafft“ erinnert euch daran, dass zwischen Schwarzgurt und Schwarzgurt oftmals Welten liegen. Ein „Schwarzgurt“ ist eben auch „nur“ eine andersfarbige Bauchbinde, die die Jacke zuhält und die Stufe der Schwarzgurte eine Sicht, die den Weg aus einer anderen Perspektive aufzeigt :-) .

Um auf unsere „Weggenossenschaft“, die KU-Schwarzgurte in Deutschland zurückzukommen, mit einem gleichen Ziel und einem gleichen Schritt, so möchte ich behaupten, dass dieses Zitat nicht richtig auf uns zutrifft. Wir haben in Deutschland keine formale Organisationsform, wie etwa einen Verband. Wir sind ein paar Leutchen, die man mit wenigen Händen abzählen kann, die keine Genossenschaft mit gleichem Ziel und gleichen Schritt bilden. Wir sind viel mehr eine Gemeinschaft von Kampfkunstinteressierten, Weggefährten und Freunden, in der jeder sehr unterschiedliche Ziele verfolgt, insbesondere auch Ziele, die sich mit der Zeit immer mal wieder ändern und in der jeder mit seinem eigenen Tempo und einer individuellen Intensität fortschreitet, zurückschreitet, die Richtung ändert oder auch mal stehen bleibt. Ein großer Nutzen dieser Gemeinschaft ist nicht nur die gemeinsame Übung, sondern auch das „Feuer“, welches immer mal wieder von Person zu Person kleiner oder größer wird, aber letztlich auch immer wieder zum gegenseitigen Entflammen dienen kann.

Danke für dieses Wochenende.

Seminar mit Kyoshi Ante Brännbacka in Halle am 13.-14.01.2018

Seminar mit Kyoshi Ante Brännbacka in Halle am 13.-14.01.2018

Nach dem Seminar ist vor der „Betrachtung“ – nur was schreib ich da nun wieder rein?
(Lesedauer ca.7min)

Nun zunächst, wir haben inzwischen ein neues Jahr und müssen uns daran gewöhnen bei Datumsangaben die 17 gegen die 18 zu ersetzen. Neben dieser offensichtlichen Anpassung verändert sich der Alltag vermutlich nicht so sehr. Wir nehmen uns vielleicht ein paar wenige oder ein paar mehr Dinge vor, aber oftmals werden wir auch in diesem Jahr nicht alle Vorhaben umsetzen können. Aber um gar nicht lang auf der faulen Haut zu liegen und wieder Bewegung in den Alltag zu bringen, kommt so ein Seminar im Januar gar nicht so ungelegen. Wir konnten also froh sein, dass Olaf Krey mal wieder jede Anstrengung unternommen hat um Kyoshi Ante Brännbacka nach Deutschland einzuladen. Wer gern ein Gesicht zu Personen hat, findet eines von vielen Bildern hier (Ante links, Olaf rechts). Wenn jemand mehr über diesen großartigen finnischen Lehrer lesen möchte, könnte man zum Beispiel diesen Text durch den Google-Übersetzer schicken und mehr erfahren.

Bevor ich nun aber zum eigentlichen Seminarinhalt komme, möchte ich noch kurz ein paar Sätze über verschiedene Arten von Betrachtungen verlieren, da das Schreiben eines solchen Textes stetig wiederkehrend eine Herausforderung darstellt. Vorab, es gibt zig Arten von Betrachtungen, aber ich möchte ein paar wichtige Beispiele kurz aufführen:

- Man schreibt über den Inhalt des Seminars: Was wurde trainiert? Was wurde erzählt? Was konnte man sich merken? Was empfand man als wichtig?, …
- Man schreibt über seine Gefühle während oder nach dem Seminar: Was empfand ich als schwer? Was hat mich bewegt? Wie habe ich mich nach dem 5. Liegestütz gefühlt? Oder nach dem Abendessen? :-)
- Man versucht sich in einer künstlerischen Auseinandersetzung: Kenne ich ein Reim, ein passendes Gedicht, einen Songtext, ein Bild der/das das Erlebte gut widerspiegelt oder wurde meine Kreativität geweckt und mir fällt selbst sowas ein?

Nun am besten ihr versucht alles mal und schreibt nach jeder Methode mal einen Text. Für das eine Seminar einen solchen und für das nächste Seminar eine andere Art von Text. Und irgendwann entwickelt jeder seinen eigenen ganz persönlichen Stil.

„Aber es gibt doch auch den ganz klassischen Bericht nach dem ATTA-Schema?“ Ähm ja. Man kann einen Text nach dem Prinzip, Anreise Tolles Training Abreise schreiben. Aber wer möchte das lesen? Und welche brauchbaren Informationen kann der Leser daraus mitnehmen?

Ich habe mir aus vielerlei Gründen angewöhnt die gesuchte Art von Texten für unsere Homepage ganz absichtlich nicht „Bericht“ zu nennen, weil diese Bezeichnung eigentlich nicht im Geringsten ausdrückt, welche Art von Text wir wirklich schreiben wollen. Wir nennen es daher „Betrachtung“ und nehmen uns zum Ziel, dass mit dieser schriftlichen Auseinandersetzung jeder seine ganz persönlichen Erkenntnisse auf seine individuelle Art und Weise niederschreibt.

„Und welchem Zweck dient eine Betrachtung?“ Nun zum Beispiel, der eigenen Auseinandersetzung mit dem Erlebten bspw. zur Vertiefung des eigenen Wissens, dem Teilen von erhaltenen Informationen mit anderen Karateka, der Anregung anderer Mitglieder zur Teilnahme an ähnlichen Ereignissen oder aber auch der Aktualisierung der Homepage ;-) .

Bevor ich aber heute gar nicht mehr zum eigentlichen Seminarinhalt komme, werde ich nun ein paar Zeilen darüber verlieren. Grundsätzlich beschäftigte sich das Seminar mit dem Thema „KU Prinzipien & Project 16“. Unter KU-Prinzipien kann sich vielleicht der eine oder andere noch etwas vorstellen, aber was ist „Project 16“? Nun, da ich es nicht besser ausdrücken kann, als der Begründer dieses Konzeptes – Sensei Ante Brännbacka – lasst ihn das Konzept selbst kurz erläutern:

„Und was habt ihr nun in dem Seminar gemacht?“ Darauf möchte ich nun eingehen, jedoch ohne die chronologische Reihenfolge der Seminarinhalte im Detail zu beachten.

Wir haben uns zum Beispiel mit den grundlegenden Fußbewegungsprinzipien (ashi sabaki) im Karate beschäftigt, insbesondere mit „Yori-ashi“ (Fuß, der dem Ziel näher steht bewegt sich zuerst, danach der andere) und „Suri-ashi“ (Fuß, der weiter entfernt vom Ziel ist, bewegt sich zuerst, danach der andere), sowie ganzen Schritten und Drehungen. In verschiedenen Kombinationen haben wir geübt welche Fuß- oder Handtechniken sich zu den jeweiligen Schritt- und Gleitbewegungen anbieten würden und an welchen Stellen es sich ggf. ergibt, die Angriffslinie zu verlassen. Diese Prinzipien haben wir auch mit einem kleinen Spiel aufgelockert, welches ich euch an dieser Stelle jedoch vorerst vorenthalten will (das Spielen wir demnächst mal). Wichtig war hier, dass man stets darauf achten sollte, dass die Fußstellung die Ausführung der Technik in die beabsichtigte Richtung fördert und die Stellung in den meisten Fällen nicht zu breit sein sollte.

Weiterhin haben wir uns damit beschäftigt wie man „Maai“ (harmonischer Abstand) einhält und ggf. auch immer wieder korrigiert um den Gegner in der richtigen Distanz zu behalten. Aber was ist die „richtige“ Distanz? Nun gibt es die? Da es die „Richtige“ mutmaßlich nicht gibt, sondern sehr situativ und nach dem jeweiligen kämpferischen Vermögen eine sehr unterschiedliche Distanz zum Vorteil des Verteidigers sein kann, haben wir uns auch in einer Vielzahl von Übungen verschiedenen Distanzen gewidmet, wie bspw. der Übung im Clinch, in einer mittleren Distanz (Zuki trifft Kinn des Gegners) und einer Langen Distanz („o mawashi geri“ trifft Körper des Gegners). So haben wir uns über die verschiedenen Distanzen in diversen Übungen bewegt wie bspw. in Boxeinheiten oder dem Training von vereinzelten Würfen aus unterschiedlichen Szenarien, wie bspw. dem uchi mata.

Ebenfalls Bestandteil des Seminares waren wieder einige Sequenzen am Boden, die aufgrund des beschränkten Umfangs dieses Textes nicht ausführlicher erläutert werden können. Kommt ins Training, dann üben wir es. Interessant war in diesem Zusammenhang noch ein „Spiel“ am Ende der letzten Trainingseinheit. Hier hat Ante Brännbacka dazu animiert den Bodenkampf mit einem Punktesystem zu üben und dabei folgenden Vorschlag gemacht:

Beendigung des Kampfes mit
- einem Hebel – 1 Punkt
- einer „Festhalte“ des Gegners, sodass man selbst noch schlagen kann, der Gegner aber nicht – 2 Punkte
- einer Würge – 3 Punkte
- weglaufen/fliehen – 4 Punkte

Die Idee hinter der Punktevergabe in dieser Form ist, dass je nach dem welchen Übungszweck man verfolgt, andere Ziele/Motivation gesetzt werden sollte. Das Ziel den Partner zu würgen oder zu hebeln, ist sicher ein super Ziel für einen Wettkampf. Übt man Bodentechniken aber unter dem Aspekt der Selbstverteidigung, ist das Entkommen aus der Situation mutmaßlich der Königsweg um schwerwiegende Verletzungen zu vermeiden.

Im letzten Teil dieser Betrachtung möchte ich noch kurz ein paar Punkte erwähnen, die ich aus diesem Seminar mitgenommen habe, welche Gedanken, Ideen und Erkenntnisse. Zunächst möchte ich hier noch auf eine technische Korrektur eingehen, die die Körperhaltung während eine Kampfsituation betrifft. Ante machte uns darauf aufmerksam die Körperhaltung in solchen Situationen zu hinterfragen. Aber seht selbst:

Die linken Bilder: typische Körperhaltung in einer kämpferischen Situation (hochgezogene Schultern)
Die rechten Bilder: eine alternative Haltung (Schultern locker lassen)

Ante lies dabei offen was „richtig“ und „falsch“ ist, gab jedoch den Hinweis, dass die rechte Haltung in einer Vielzahl von Situationen vorteilhaft sein könnte.

Über diese technische „Korrektur“ hinaus, haben mich zwei Gedanken während und nach dem Seminar beschäftigt. Der erste betrifft die Bandbreite des KU. Dieses Wochenende konnte nur im Ansatz aufzeigen, welches technisches Repertoire KU uns anbietet. In dieser Kampfkunst reicht die mögliche Bandbreite für Übungspotentiale im Training von Kata, über Schlagen, Treten, Hebeln, Würfe, Würgen, Vitalpunkte, Clinchen, Boxen, Bodenarbeit, Fallschule, Kumite, Kihon, Flowdrills, Renzoku, Kakie, Waffen, Theorie, Selbstverteidigung, Fitness, Wettkampf und und und… . Diese Möglichkeiten sind dabei Fluch und Segen zugleich. Der Vorteil liegt klar darin, dass jeder seinen eigenen und individuellen Weg gehen kann und das das Übungspotential niemals ausgehen wird, ein Nachteil besteht aber vielleicht darin, dass es schwierig wird in allen Facetten dieser Kampfkunst sehr gut zu werden und man sich vielleicht eher zu einem Generalisten als zu einem Spezialisten entwickelt. Welche Vor- und Nachteile das hat, muss jeder für sich selbst beantworten. Neben dieser Bandbreite, wird oftmals die Meinung vertreten, dass Karate für jeden Menschen, in jedem Alter und in jeder körperlichen Verfassung geübt werden kann. Nimmt man diese beiden Ideen jedoch zusammen und setzt man mal die Brille des Trainers auf, so steht dieser vor einer riesigen Aufgabe und Herausforderung. Die Gruppe ist nicht in jedem Training gleich, sie ist heterogen von der Alters-, Fortschritts- und Fitnessstruktur und dann kommt hinzu, dass jeder etwas anderes gern übt, jeder vielleicht andere Trainingsziele hat (oder sein Ziel noch nicht kennt), jeder genau auf seinem Level unterrichtet werden möchte und nicht jeder Mensch gleich lernt. Daraus kann man eigentlich nur schlussfolgern, dass man es nicht jedem recht machen kann und in den 1,5 bis 3,5h Trainingszeit pro Woche wohl kaum jeder Aspekt der Kampfkunst ausreichend Beachtung finden kann. Wenn euer Trainer also mal wieder nicht euer Ziel vor Augen hat, sprecht doch mal mit ihm und räumt ihm gleichzeitig ein, dass er auch die Übenden mitnehmen muss oder will, die noch nicht wissen wohin ihre Reise gehen soll.

Der zweite Gedanke und letzte Punkt für diese Betrachtung ist, die schnelle und starke Übung im Training. Mir fällt immer wieder auf, so auch bei diesem Seminar, dass Übende sehr schnell sehr kräftig üben, weil es Ihnen dann mehr Spaß macht, sie sich mehr auspowern können, das Gefühl einer realistischen Auseinandersetzung haben oder warum auch immer. Gleichzeitig sieht man auch, wenn hier die Intensität und Geschwindigkeit geübt wird, bevor die Grundlagen geübt wurden. Man kann viele Techniken sehr früh schnell und stark üben, aber die Chance zur Verbesserung der Grundlagen steigt nicht mit der Stärke und der Geschwindigkeit. Aber auch wie oben angerissen kommt es eben auch hier auf das jeweilige Trainingsziel an. Wenn mein Ziel ist mich schnell auf gefährliche Situationen vorzubereiten in denen ich einfach (irgendwie) Gegenwehr leisten kann, dann brauche ich vielleicht keine Kata üben und mich nicht lang an einer kontrollierten Übung aufhalten, schließlich kann man bei „schnell und stark“ auch „Quittungen“ bekommen und daraus viel lernen. Schwieriger wird es nur dann, wenn ich erst versuche alles schnell und stark zu üben, sich Fehler einschleichen, festigen, verschlimmern und ich dann langfristig an meinem Karate arbeiten will, denn dann steht man vor der Herausforderung eintrainierte Muster wieder abzutrainieren. Ich möchte mich daher ganz und gar nicht gegen eine schnelle und starke Übung aussprechen, ganz im Gegenteil, wir sollten uns regelmäßig wieder ins Gedächtnis rufen, dass ein kämpferisches Training auch wichtig ist und seinen Wert hat, aber die Schwierigkeit besteht darin einen passenden Kompromiss für jeden zu finden und bspw. stets die Kontrolle zu behalten, die Grundlagen nicht zu vernachlässigen und seinen Partner (mit dem man vielleicht noch öfter üben will) nicht zu gefährden. Mein persönliches Vorgehen für jede Übung ist erst eine funktionale und kontrollierte Technik zu trainieren und dann dem jeweiligen Übungsziel und Partner angemessen die Geschwindigkeit und Intensität (mehr oder weniger langsam) zu erhöhen. Alles andere sollten nur geübte Trainingspartner versuchen, wenn man das Verletzungsrisiko reduzieren will. Schließlich würde auch keiner erst die „schwarze Skipiste“ hinunterfahren und danach beim Skilehrer nach einem Grundkurs fragen.

Alles in allem war dieses Wochenende eine Bereicherung mit vielen tollen Gesprächen und ausreichend Impulsen für zahlreiche Trainingsstunden. Danke an Ante Brännbacka und auf ins Dojo!

Gürtelprüfung am 02.12.2017

Gürtelprüfung am 02.12.2017

Anfang Dezember haben sich neun mutige Karateka der Herausforderung einer Gürtelprüfung gestellt.
Warum so wenige? Weil die Prüfungsinhalte von Stufe zu Stufe umfangreicher und komplexer werden – und natürlich jeder in einem anderen Tempo lernt und Fortschritte macht. Aber das ist nicht schlimm, im Gegenteil: das macht Karate aus. Wir nehmen an keinen Wettkämpfen teil, sodass sich jeder auf sich selbst, seinen Körper, seine Bewegungen und den eigenen Fortschritt konzentrieren kann. Und während manch einer große Schritte macht, muss ein anderer viele kleine machen um ans gleiche Ziel zu kommen. Das Geheimnis dabei ist, nicht aufzugeben und immer wieder den Kampf mit sich selbst und seinem eigenen Ego aufzunehmen. Denn nur wer sich selbst besiegt und kontinuierlich an sich arbeitet, kann sich verbessern und einen Schritt nach vorne gehen.

Es freut uns sehr, dass diese neun Karateka ihr Können unter Beweis stellen konnten. Wir gratulieren Tim Drechsler (8. Kyu), Till Kuhlmann (8. Kyu), Michel Kienzle (7. Kyu), Kim Jenny Ho (7. Kyu), Philipp Siegmeth (7. Kyu), Ian Lorenz (7. Kyu), Ben Großhans (6. Kyu), Timo Kuhlmann (6. Kyu) und Noel Ehret (5. Kyu) zur bestandenen Kyu-Prüfung! Macht weiter so!